Der Vortrag ist ein Dialog zwischen den Psychotherapeuten Bärbel Wardetzki und Wolf Büntig während einer Veranstaltung zum Thema Narzissmus, Kränkung und Liebe.
Einführung: Frau Wardetzki beginnt mit der Feststellung, dass Narzissmus, Kränkung und Liebe auf den ersten Blick nicht zusammengehören, aber in Wirklichkeit eng miteinander verknüpft sind.
Kernpunkte des Dialogs
Narzissmus und das „falsche Selbst“:
- Narzissmus als Selbstwertschaden: Narzissmus entsteht aus einer frühen Selbstwertschädigung, oft in der Kindheit. Um dies zu kompensieren, entwickeln Betroffene ein „Größen-Selbst“ oder „falsches Selbst“. Sie versuchen, durch Anpassung oder besondere Leistungen Anerkennung zu bekommen, um den inneren Selbstwertmangel zu überdecken.
- Das Idealbild: Narzisstische Menschen leben nach einem Bild, das die Umwelt von ihnen hat (z. B. das „begabte Kind“). Dies führt dazu, dass sie ihr wahres Selbst (im Beispiel „grün-gelb-kariert“) verstecken, um geliebt zu werden. Sie geben ihre Autonomie auf und passen sich an, was langfristig zum Verlust des Kontakts zu sich selbst führt.
- Spiegelung und Identifikation: Herr Büntig betont, dass Narzissmus die Identifikation mit einem Spiegelbild ist. Man glaubt, man sei das, was man denkt, was man ist, anstatt im Moment zu sein. Dies kann sich sowohl in einer übersteigerten als auch in einer geminderten Selbstwertvorstellung äußern („Ich bin der größte Depp“).
Kränkung als Motor und Schmerz:
- Auslöser der Kränkung: Kränkung entsteht, wenn die eigene Grandiosität nicht bestätigt wird, beispielsweise durch Kritik oder Ablehnung. Jemand mit einem schwachen Selbstwert hält diese Kritik nicht aus.
- „Kränkungswut“: Aus der Kränkung entsteht eine immense Wut, die zerstören will und oft gewalttätig sein kann. Dies liegt daran, dass der Betroffene mit seinen eigenen „negativen Seiten“ konfrontiert wird, die er nicht sehen will.
- Umgang mit Kränkung: Büntig schlägt vor, Kränkungen als Chance zum Aufwachen zu nutzen, anstatt sich noch mehr anzustrengen, den idealen Bildern zu entsprechen.
Beziehung und Liebe:
- Narzisstische Liebe: Diese Art der Liebe ist auf ständiger Bestätigung von außen aufgebaut und somit sehr zerbrechlich. Ein narzisstischer Mensch wählt Partner, die seinen Selbstwert erhöhen. Er liebt nur, solange der Partner das von ihm gewünschte Bild bedient.
- Zugehörigkeit: Zugehörigkeit ist ein fundamentales menschliches Bedürfnis. Die Weigerung, anderen Anerkennung und Zugehörigkeit zu geben (z. B. durch Ignorieren), wird als „Tötung der Seele“ und als existenzielle Bedrohung beschrieben.
- Beachtung: Das Grundbedürfnis nach Beachtung ist nicht narzisstisch, sondern essenziell. Es hilft uns zu wissen, dass wir existieren. Wenn wir uns selbst beachten lernen, werden wir unabhängiger von der Bestätigung durch andere.
Wege aus dem Narzissmus:
- Selbstverwirklichung vs. Selbstoptimierung: Die Referenten kritisieren die moderne Verwechslung von Selbstverwirklichung (dem eigenen inneren Gesetz folgen) mit Selbstoptimierung (sich an äußere Ideale anpassen). Letzteres ist eine Form des Narzissmus in Messform.
- Gnade des Alters: Das Alter wird als Chance gesehen, die grandiosen Bilder loszulassen und zum wahren Selbst zurückzukehren.
- Die Raupe und der Schmetterling: Das Bild der Raupe, die sich im Kokon verwandelt und den Kokon sprengt, symbolisiert das menschliche Schicksal, sich zu entfalten und die eigenen inneren Gesetze zu leben. Wenn dies nicht geschieht, führt der ständige Kampf zu Depression und Krankheit.
Die Diskussion schließt mit der Feststellung, dass wir durch die Auseinandersetzung mit unseren eigenen Schattenseiten und die Übernahme von Verantwortung für unsere Gefühle beziehungsfähig werden.