wenn ich an meine Kindheit denke, dann gibt es schöne Bilder der Erinnerungen. Doch wesentlich mehr innere Bilder habe ich von angstbesetzten Situationen, von Traurigkeit und Bedrohung. Jede Nacht hatte ich Albträume, ich fürchtete mich vor dem Einschlafen, war viel krank, konnte Ungerechtigkeit nicht ertragen und fühlte mich oft sehr allein.
Kinder sind immer unschuldig
Von Angst besetzte Situationen gibt es zu allen Zeiten, nicht nur in Kriegs- und Nachkriegszeiten. Kinder sind dem ausgeliefert, was um sie herum geschieht. Den Eltern, den Lehrern und Erziehern, dem Geist der Gesellschaft. Wenn es zu viel wird für ein kleines Kind, entwickelt es Symptome. Es hat keine andere Chance. Doch es kann nichts dafür.
Was kann ein neugeborenes Kind dafür, dass es eine schwierige Geburt hatte und danach Abwehrreaktionen gegen Enge und Berührungen entwickelt? Was kann ein kleines Kind dafür, wenn es ein schwieriges Verhältnis zur Mutter hat, da diese Belastungen aus ihrer Herkunftsfamilie trägt? Und was kann ein Kind dafür, wenn es durch anhaltende Abwertung dann Wutanfälle, Angststörungen, Weinanfälle, Unsicherheit, Unruhe, Bettnässen, Körpersymptome und Krankheiten entwickelt? Es kann nichts dafür, nichts für sein Verhalten und nichts für seine Symptome. Kinder sind immer unschuldig.
Ungerechte Behandlung durch die Erwachsenen
Kinder sind der ungerechten Behandlung durch die Lehrer, Eltern und anderer Erwachsenen schutzlos ausgeliefert. Hier geht es nicht um Gewalt. Hier geht es um Trennungen, Verluste, Bindungsstörungen, Abwertungen, Verunsicherungen, Alleingelassen werden, ungerechte Behandlung, Kritik, fehlende Bestätigung, um fehlenden Schutz und Trost. Kinder tragen die Auswirkungen selbst erlebter frühkindlicher Traumata und die der Traumata der Eltern und Großeltern. Die Traumata unserer Kindheit sind uns zumeist nicht bewusst.
(Text von Renate Wirth)